Für top agrar präsentiert der Molekularbiologe Dr. David Spencer seine Sichtweise auf neue Züchtungstechnologien.
Vor Kurzem durfte ich einen biologischen Gemüsebetrieb besuchen. Ich fragte den Landwirt, warum gerade der Ökolandbau neue Züchtungsmethoden wie die Genschere CRISPR/Cas kategorisch ablehnt. Seine Antwort sollte mich noch lange beschäftigen: Die ökologische Landwirtschaft setze traditionell keine gentechnischen Verfahren ein, obwohl die Vorteile auf der Hand lägen. „In dem Moment, in dem der Biobauer mit der Kupferspritze rausfährt, und der konventionelle Nachbar dies nicht mehr tun muss, fällt das Konstrukt Biolandbau in sich zusammen“, so seine eindrucksvolle Schlussfolgerung.
Die Züchtung von Pflanzen hatte lange vor allem die Maximierung des Hektarertrags zum Ziel. Seit Jahrhunderten setzen Menschen verschiedene Techniken ein, um Nutzpflanzen nach ihren Vorlieben zu modifizieren. Das kann durch Kreuzung passieren, wie sie schon von Gregor Mendel systematisch untersucht wurde. In der Mitte des letzten Jahrhunderts kam die Zufalls-Mutagenese ins Spiel, wo die Behandlung des Saatguts mit Radioaktivität oder Chemikalien neue Eigenschaften in Pflanzen hervorbringt.
Mit der Grünen Gentechnik ist seit knapp 50 Jahren erstmals das Einbringen artfremden Genmaterials zur Erzeugung neuer Kultursorten möglich. Vor gerade einmal zwölf Jahren erschien dann die Genschere auf der Bildfläche, die aus dem Immunsystem von Bakterien isoliert und entwickelt wurde. Im Gegensatz zur Gentechnik kann mit Hilfe dieser molekularen Schere die Pflanzengenetik zielgenau bearbeitet werden – ganz ohne die Überwindung von Artgrenzen.
Ökologie und Technologie müssen kein Widerspruch sein."
Der Einzug von CRISPR/Cas und anderen sogenannten Neuen Genomischen Techniken in die Pflanzenzüchtung hat den Gentech-Grabenkampf wieder neu entflammt. Zeitgleich werden globale Herausforderungen akuter: Klimakrise und Artenschwund nehmen für alle spürbar ihren Lauf. Die Landwirtschaft ist für viele Teil des Problems, aber sie ist eben auch Teil der Lösung.
Getreide, das durch tiefere Wurzeln Trockenperioden übersteht. Zuckerrüben, die sich gegen neuartige Schaderreger zur Wehr setzen können. Heimische Ölsaaten mit verbesserter Fettsäure-Zusammensetzung. Neue Zeiten erfordern neue Zuchtziele abseits der Ertragssteigerung. Moderne Züchtungstechniken sind wertvolle Werkzeuge, die neben anderen Ansätzen einen Baustein für nachhaltigere Landbewirtschaftung liefern. Ökologie und Technologie müssen kein Widerspruch sein.
top agrar-Rubrik "Der Blick von außen"
Dieser Text stammt aus der Rubrik "Der Blick von außen", die jeden Monat in der top agrar-Heftausgabe erscheint. Der Streitpunkt zeigt, wie die Landwirtschaft von außen gesehen wird und ist nicht die Meinung der Redaktion. Wie stehen Sie dazu? Wir freuen uns auf Ihren Kommentar weiter unten.