Der Vorstandschef der Deutz AG, Sebastian Schulte, hat dem Kölner Stadtanzeiger ein spannendes Interview über die Lage beim Motorenhersteller und die interessanten Ideen für die Zukunft gegeben.
Viele Landwirte trauern noch der Zeit nach, als in Köln die Traktoren mit dem Ulmer Münster im Wappen vom Band liefen. Dazu gab es Feuerwehrautos, Reisebusse und vieles mehr. Auf die Frage der Zeitung, ob Schulte bereut, dass Deutz heute mit seinen Motoren nur noch ein Zulieferer ist, überrascht dieser mit einem klaren „Ja, sicher“.
Er weiß allerdings auch, warum der KHD-Agrartechnikbereich 1995 an Same verkauft werden musste. „Meine Vorgänger hatten angesichts der damaligen wirtschaftlichen Lage keine andere Wahl, als sich von Firmenteilen zu trennen. Deutz stand kurz vor dem Ruin und in Folge musste das Tafelsilber verkauft werden. Was ich aber wirklich bedauere, ist, dass Deutz in den vergangenen 15 Jahren doch ein wenig mutlos geworden ist. Wir haben uns mit der Verzwergung zufriedengegeben. Das Potenzial dieser stolzen Firma wurde lange nicht genutzt. Das wollen wir ändern, damit wir das große Potenzial dieser starken Firma wieder richtig zu nutzen“, so Schulte.
Deutz baut künftig für Daimler Motoren
Er kündigt in dem Zuge neue Zukäufe und Kooperationen an, so wie beispielsweise die mit Daimler Truck. Dort arbeiten die Kölner bei der Entwicklung von mittelschweren und schweren Motoren schon mit und vertreiben seit letztem Sommer mittelschwere und schwere Daimler Truck-Motoren exklusiv für Nutzfahrzeuge abseits der Straße. Die Vertriebs- und Service-Aktivitäten hat Deutz von Rolls-Royce Power Systems übernommen. „Ab 2029 planen wir, die Endmontage des mittelschweren Motors bei uns hier in Köln. Eine gute Perspektive für die Auslastung unseres Werkes hier in Porz.“
Einstieg ins Militärgeschäft?
Gleichzeitig stellt sich das Unternehmen auch in anderen Bereichen breiter auf. Neben Projekten der dezentralen Energieversorgung können sich die Kölner auch eine Beteiligung an Rüstungsvorhaben vorstellen. Zuletzt hatte das Unternehmen einen polnischen Vertriebs- und Servicepartner übernommen, der Militärfahrzeuge mit Deutz-Motoren beliefert.
Oncilla nennt sich beispielsweise ein Fahrzeug, das Mannschaften, aber auch Waffen transportieren kann, sagte Vorstandschef Sebastian Schulte im Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger. Grundsätzlich seien radgetriebene Panzerfahrzeuge oder die Lieferung von Stromgeneratoren interessante Ansätze, über die man in nächster Zeit beraten werde.
Schulte stellt jedenfalls einen großen Bedarf in den Nato-Ländern fest. „Viele osteuropäische Bündnispartner verfügen noch über Fahrzeuge aus sowjetischer Produktion, für die es keine Ersatzteile mehr gibt oder wenn, dann nur in Russland und damit nicht mehr verfügbar. In Polen etwa gibt es Tausende solcher Fahrzeuge, die perspektivisch neue und moderne Motoren benötigen. Das bietet großes Potenzial“, so Schulte.
Reparieren statt neu kaufen
Auf die schwierige wirtschaftliche Situation 2024 angesprochen betont der Manager, dass die Deutz AG deutlich robuster und besser aufgestellt sei als in den Jahren zuvor. Und das, obwohl im Classic-Geschäft gut 40.000 Motoren weniger verkauft wurden. Der Konzern sei profitabel und inzwischen weniger abhängig vom Verkauf der Verbrennermotoren.
„Wir stellen uns seit zwei Jahren breiter auf, um Schwankungen besser ausgleichen zu können. Sehr stabil läuft mittlerweile das Geschäft mit Service, Ersatzteilen und Wartung. Weltweit sind rund zwei Millionen Deutz-Motoren im Markt, viele davon schon seit Jahrzehnten“, sagt Schulte und erklärt, dass in schwierigen Zeiten weniger neu gekauft und mehr repariert werde. Mittlerweile würde der Servicebereich mehr als 500 Mio. € Umsatz im Jahr bringen.
Keine Kurbelgehäuse mehr aus Köln-Kalk
Bis Ende 2026 sollen die Sach- und Personalkosten um 50 Mio. € sinken, erinnert der Kölner Stadtanzeiger. Hierzu bestätigt Schulte, dass nach der Gewinnwarnung im Herbst klar gewesen sei, dass die Firma nochmal an die Kosten gehen müsse.
„Und das, obwohl wir bereits frühzeitig unsere Kapazitäten angepasst und auf die veränderte Lage reagiert haben. Wir haben deshalb nicht nur mit Kurzarbeit auf die wirtschaftliche Lage reagiert, sondern damit begonnen, unsere Kosten nachhaltig zu senken. Dazu gehört unter anderem auch, unsere Fertigung von Kurbelgehäusen in Köln-Kalk bis Ende 2026 einzustellen. Die rund 100 Beschäftigten dort werden aber an anderen Kölner Standorten eingesetzt.“ Hintergrund ist die allgemeine Abkehr von Verbrennermotoren weltweit. Daher werde man sich in dem Bereich auch leider von Mitarbeitern trennen müssen.
Insgesamt 30 Mio. € will das Unternehmen zudem in der Forschung einsparen und hier weitere 200 Mitarbeiter entlassen.