Einloggen / Registrieren

Startseite

Schlagzeilen
Meinung & Debatte
Newsletter
Messen & Termine
Themen
Wir für Euch
Heftarchiv
Sonstiges

Regierungswechsel Aussaat im Frühling Maul- und Klauenseuche

Einschätzung

Gießener Professoren mahnen: Bundesregierung muss Flächenfraß stoppen

Landwirtschaftliche Belange berücksichtigen, eine nachhaltigere Landwirtschaft fördern und sich beim Umbau der Tierhaltung nicht allein auf den Stallbau konzentrieren, sind nur einige Empfehlungen.

Lesezeit: 4 Minuten

Der Pressedienst Agra Europe bat zwei Professoren der Justus-Liebig-Universität Gießen um Einschätzung, was die künftige Bundesregierung aus ihrer Sicht angehen muss.

Autoren

Ramona Teuber ist seit 2018 Professorin für Marktlehre der Agrar- und Ernährungswirtschaft. Sie ist seit 2023 Vorstandsmitglied des Zentrums für nachhaltige Ernährungssysteme (ZNE) an der Justus-Liebig-Universität und war Mitglied der Zukunftskommission Landwirtschaft der Bundesregierung (ZKL).

Andreas Gattinger ist seit 2017 Professor für Ökologischen Landbau mit dem Schwerpunkt nachhaltige Bodennutzung an der Uni Gießen. Er ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Julius-Kühn-Instituts (JKI), des Wissenschaftlichen Beirats für Natürlichen Klimaschutz am Bundesumweltministerium (WBNK) und des Zentrums für nachhaltige Ernährungssysteme (ZNE).

Auch in Krisenzeiten dürfen generationenübergreifende Ziele nicht vernachlässigt werden. Multifunktionale Agrar- und Ernährungssysteme müssen ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltig sein. Deshalb sollte die zukünftige Bundesregierung folgende Punkte angehen, um die Zukunftsfähigkeit der Landwirtschaft in Deutschland zu sichern:

1. Förderung einer nachhaltigeren Land- und Lebensmittelwirtschaft

Ökolandbau und sonstige nachhaltige Formen der Landwirtschaft gilt es, weiterhin zu fördern. Hier weist der Agrar- und Wissensstandort Deutschland mit dem Bundesprogramm Ökologischer Landbau ein Alleinstellungsmerkmal auf. Aussagen, dass auch konventionelle Landwirtschaftsformen ökologisch nachhaltig sind, sind berechtigt.

Solange es jedoch keine verbindlichen Regeln für den Integrierten Anbau, die Hybridlandwirtschaft oder die Regenerative Landwirtschaft gibt, ist die Gefahr von Greenwashing hoch. Daher sollte wie vom Strategischen Dialog auf EU-Ebene sowie der Zukunftskommission (ZKL) vorgeschlagen, ein neues Governance-System in der Agrarpolitik eingesetzt werden. Dabei sollten die Vereinheitlichung der Nachhaltigkeitsbewertungssysteme und ein darauf basierendes Benchmarkingkonzept eine zentrale Rolle spielen.

2. Sicherung der Ressource Boden

Wir alle sind auf intakte Böden angewiesen, stammen doch mehr als 95 % unserer Lebensmittel aus Boden-basierter Landwirtschaft. Doch die Ressource Boden ist in Gefahr: Die landwirtschaftliche Nutzfläche in Deutschland nimmt seit Jahrzehnten kontinuierlich ab - unter anderem infolge von Siedlungs- und Verkehrsflächenzunahme.

Bei der Erschließung von Wohnraum und Infrastruktur müssen daher landwirtschaftliche Belange absolut gleichberechtigt berücksichtigt und Maßnahmen, die die Flächenneuversiegelung deutlich verringern, konsequent umgesetzt werden.

3. Förderung zirkulärer Tierhaltungssysteme

Tierhaltung muss ökologisch und ökonomisch nachhaltig sein, ein hohes Maß an Tierwohl bieten und gesellschaftliche Akzeptanz genießen. Der Umbau der Tierhaltung darf sich also nicht allein auf den Stallbau (= Haltungssysteme) konzentrieren. Insbesondere in der Rinder- und Milchviehhaltung sollte der Fokus auf Grünland- und Kleegrasbasierte Systeme gelegt werden, die mit wenig Flächenkonkurrenz für die Humanernährung einhergehen.

4. Diversität und Resilienz

Diversität ist ein zentraler Faktor für die Resilienz, das heißt die nachhaltige Anpassungsfähigkeit von Agrar- und Ernährungssystemen. Zur Steigerung der Resilienz sollten die von der ZKL erarbeiteten und vorgeschlagenen Maßnahmen wie eine Honorierung einer Diversifizierung hin zu vielfältigen Fruchtfolgen angeboten werden. Parallel gilt es, den Aufbau neuer Wertschöpfungsketten für Produkte einer diversifizierten Fruchtfolge durch Forschungs- und Entwicklungsmaßnahmen zu fördern.

5. Neubewertung von Qualitätsmerkmalen und Standards

Viele Qualitätsmerkmale im Agrarsektor stammen aus einer Zeit, in der Klimawandel und planetare Grenzen keine Rolle spielten. Ein Beispiel ist Rohprotein beim Backweizen. Während viele Mühlen nur Weizenpartien mit über 13 % als backfähig einstufen, zeigt die Biobranche, dass auch Weizenpartien mit 11 % Rohprotein hervorragende Backergebnisse erzielen.

Eigene Arbeiten und die von Forschungsinstitutes für Biologischen Landbau (FiBL) Deutschland zeigen, dass eine Orientierung auf Kleberqualität (= Glutenin-Makropolymer) zu hochwertigen Backwaren führt, bei 20 % weniger Stickstoffdüngereinsatz.

6. Neue deutsche Kulinarik im Sinne der planetaren Gesundheit und Neuausrichtung der Lebensmittelbesteuerung

In der jüngeren Generation zeichnet sich ein deutlicher Wandel hin zu einer stärker pflanzenbasierten Ernährung ab. Diese Entwicklung sollte durch eine konsequente Umsetzung der von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) vorgelegten Standards, insbesondere in Schul-, Kita- und Behördenkantinen sowie durch eine überarbeitete Lebensmittelbesteuerung politisch gefördert werden.

7. Förderung von Systemforschung

Die neue Bundesregierung sollte die Vorschläge des Wissenschaftsrats aus dem Jahr 2024 dezidiert aufgreifen und umsetzen. Dieser empfiehlt die Einrichtung von Food Systems Research Hubs, in denen komplexe Themen unter einer systemischen und transformationsorientierten Perspektive bearbeitet werden.

Erste Ansätze hierzu gibt es in Hessen, etwa mit dem Zentrum für Nachhaltige Ernährungssysteme (ZNE) als auch dem Innovationszentrum für Agrarsystemtransformation (IAT) als dauerhafte strategische Erweiterung des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Zusammenarbeit mit der Justus-Liebig-Universität Gießen, der Universität Kassel und der Hochschule Geisenheim University.

Ihre Meinung ist gefragt

Was denken Sie über dieses Thema? Was beschäftigt Sie aktuell? Schreiben Sie uns Ihre Meinung, Gedanken, Fragen und Anmerkungen.

Wir behalten uns vor, Beiträge und Einsendungen gekürzt zu veröffentlichen.

Mehr zu dem Thema

vg-wort-pixel
top + Wissen säen, Erfolg ernten.

Planung, Aussaat, Düngung – wir liefern alle Infos. 3 Monate testen für 10 €!

Wie zufrieden sind Sie mit topagrar.com?

Was können wir noch verbessern?

Weitere Informationen zur Verarbeitung Ihrer Daten finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

E-Mail-Adresse

Vielen Dank für Ihr Feedback!

Wir arbeiten stetig daran, Ihre Erfahrung mit topagrar.com zu verbessern. Dazu ist Ihre Meinung für uns unverzichtbar.