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topplus top agrar-Gespräch

Neugier aufs Landleben: Warum Juli Zeh den Umzug aufs Land nie bereut hat

Was ist das Schöne am Landleben und wie können Landwirte besser kommunizieren, um Vorurteile abzubauen? Autorin Juli Zeh im top agrar-Interview über die schwierige Beziehung zwischen Stadt und Land.

Lesezeit: 5 Minuten

Juli Zeh ist eine bekannte deutsche Schriftstellerin und Juristin. Ihre Bücher wie „Unterleuten“ und „Zwischen Welten“ greifen wichtige gesellschaftliche Themen wie die Unterschiede zwischen urbanen und ländlichen Lebenswelten, Wertewandel oder die Energiewende und deren Folgen. Zeh arbeitet auch als ehrenamtliche Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg und engagiert sich politisch, besonders für Bürgerrechte. Sie lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf im Havelland.

„Das Gute ist ja, dass letztlich alle das gleiche Ziel haben"

top agrar: Frau Zeh, Sie sprechen oft von der bestehenden Kluft zwischen Stadt -und Landbevölkerung und haben das Thema auch in Romanen wie „Zwischen Welten“ verarbeitet. Wo liegen aus Ihrer Sicht die Wurzeln dieser Entfremdung und muss dieser Graben zwangsläufig immer breiter werden?

Juli Zeh: Mein Eindruck ist, dass auf beiden Seiten viel Misstrauen besteht. Man unterstellt sich gegenseitig, nicht „alle Tassen im Schrank“ zu haben oder die Realitäten nicht sehen zu wollen. Letztlich ist Grund des Konflikts, dass die Realitäten und Lebensverhältnisse sehr unterschiedlich sind und man gar nicht genau weiß, wie die jeweils anderen leben und mit was für Problemen sie zu kämpfen haben.

Wichtig wäre, wieder in einen sachlichen und offenen Dialog zurückzufinden, in dem es nicht darum geht, bei irgendetwas recht zu haben oder die andere Seite abzuqualifizieren
Juli Zeh

Wichtig wäre, wieder in einen sachlichen und offenen Dialog zurückzufinden, in dem es nicht darum geht, bei irgendetwas recht zu haben oder die andere Seite abzuqualifizieren, sondern erst mal respektvoll davon auszugehen, dass überall vernünftige Menschen leben, auf dem Land und in den Städten, und dass es durchaus möglich ist, einander zu verstehen, wenn man bereit ist zuzuhören.

Sie sind selbst „Stadtkind“, im Jahr 2007 aber ins Havelland gezogen - viel ländlicher geht es kaum. Haben Sie das jemals bereut und was fasziniert Sie als Einwohnerin und Schriftstellerin so am ländlichen Raum?

Juli Zeh: Ich habe es gar nicht bereut, sondern bin sehr glücklich darüber. Für mich ist es großartig, in einer Gemeinschaft zu leben, wo man einfach mit den Menschen zu tun hat, die mehr oder weniger zufällig am selben Ort wohnen.

Für mich ist es großartig, in einer Gemeinschaft zu leben, wo man einfach mit den Menschen zu tun hat, die mehr oder weniger zufällig am selben Ort wohnen.
Juli Zeh

Es ist ein bisschen wie in einer Familie, man hat sich die anderen nicht ausgesucht, kann aber durchaus gut miteinander klar kommen, wenn alle dazu bereit sind. Das ist letztlich die Basis für jedes menschliche Zusammensein. Abgesehen davon ist es natürlich großartig, inmitten der Natur zu leben, immer rauszukönnen und auch mal im Wald für sich zu sein.

 

Die deutschen Landwirte haben vor einem Jahr mit lautstarken Protesten bundesweit auf ihre Anliegen aufmerksam gemacht. Wieviel davon kam nach Ihrer Einschätzung bei der urbanen Bevölkerung und in den politmedialen „Blasen“ an - was haben die Demos also letztlich gebracht?

Juli Zeh: Mein Eindruck ist schon, dass man angefangen hat, die Landwirte und ihre Probleme zu sehen und sich bewusst zu machen, dass da offensichtlich ein hoher Leidensdruck ist. Negativ waren die Versuche, protestierende Landwirte einfach in die rechte Ecke zu stellen und auf diese Weise die Demos zu delegitimieren.

Negativ waren die Versuche, protestierende Landwirte einfach in die rechte Ecke zu stellen und auf diese Weise die Demos zu delegitimieren.
Juli Zeh

Es ist schon noch ein weiter Weg zu gehen, um auf die Probleme aufmerksam zu machen, aber ich glaube, dass es insgesamt ein wichtiger erster Schritt war.

 

Was raten Sie den Bauern im Hinblick auf deren politische Kommunikation: Neue Demos mit dem Risiko, die Bevölkerung zu verlieren, oder sollten besser andere Wege für den Erhalt einer nachhaltigen und zugleich wettbewerbsfähigen Landwirtschaft gegangen werden?

Juli Zeh: Man muss auf allen Ebenen arbeiten - ich glaube schon, dass es das richtige Mittel ist, wieder Demonstrationen zu organisieren, wenn man merken sollte, dass die Politik das Interesse verliert und ihre Versprechen nicht einlöst. Gleichzeitig muss man aber natürlich immer wieder mit Politikern und Medien sprechen und versuchen, diesseits von Straßenprotesten zu erklären, was die Sachlage ist und was dringend verbessert werden muss.

Das Gute ist ja, dass letztlich alle das gleiche Ziel haben. Alle wollen, dass wir nachhaltig und energetisch sinnvoll wirtschaften. Alle wollen, dass die Ernährungslage gesichert ist. Alle wollen, dass Agrarbetriebe ökonomisch überleben können und nicht in Bürokratie ertrinken. Ich glaube, da herrscht schon Einigkeit in den Zielvorstellungen. Die Frage ist, wie man zu diesem Ziel kommt und wann die Probleme wirklich konkret angegangen werden.

 

Die Politik führt gern das Wort vom „Bürokratieabbau“, neigt in der Realität aber dazu, immer neue Auflagen und Gesetze aufzuhäufen. Das überfordert inzwischen nicht nur Landwirte, sondern auch viele andere Unternehmer und Bürger. Ginge das nicht besser?

Juli Zeh: Das geht hoffentlich besser, erfordert aber tatsächlich einen großen politischen Gestaltungswillen. Es bringt gar nichts, mit kosmetischen Maßnahmen an den Problemen herumzuschrauben.

Wir brauchen einen Mentalitätswechsel, der wieder mehr Vertrauen in die Eigenverantwortung von Landwirte und anderen Unternehmen setzt und nicht jeden kleinen Handstreich kontrollieren will.

Wir brauchen einen Mentalitätswechsel, der wieder mehr Vertrauen in die Eigenverantwortung von Landwirte und anderen Unternehmen setzt
Juli Zeh

Danach muss es darum gehen, tatsächlich in großem Umfang substanziell die kleinteiligen Regulierungen zurückzunehmen - und das geht nur, wenn eine Regierung sich das tatsächlich vornimmt und nicht immer nur beteuert, dass Bürokratieabbau wichtig sei und das irgendwann mal angegangen werden müsse.

In vielen Bereichen ist es momentan so, dass wir wirklich große Investitionen und Anstrengungen brauchen. Wenn die bald nicht kommen, wird die Frustration der Bürger immer weiter wachsen und das Vertrauen in die Politik weiter sinken.

 

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