Im Vorfeld von Politik trifft Praxis in Brüssel haben wir mit den teilnehmenden Politikerinnen und Politikern Interviews geführt. Das sagt die EU-Abgeordnete der Freien Wähler Christine Singer zu den Plänen der EU-Kommission, die Gemeinsame EU-Agrarmarktordnung zu ändern und zur Zukunft der Gemeinsamen Agrarpolitik.
Frau Singer, wie bewerten Sie die Vorschläge des EU-Agrarkommissars zur Gemeinsamem Marktordnung (GMO)?
Singer: Die Vorschläge des EU-Agrarkommissars zur Gemeinsamen Marktordnung sehe ich kritisch. Besonders die geplanten verpflichtenden Lieferverträge nach Artikel 148 GMO bergen erhebliche Risiken.
Erfahrungen aus Frankreich zeigen, dass solche Regelungen zwar Marktschwankungen dämpfen, aber nicht verhindern, dass Landwirte in wirtschaftlich schwierigen Zeiten unter Druck geraten.
Zusätzlich entsteht erheblicher bürokratischer Aufwand, ohne dass für die Betriebe ein echter finanzieller Mehrwert entsteht. Bestehende, gut funktionierende Lieferbeziehungen dürfen nicht durch neue Vorgaben geschwächt werden – Artikel 148 GMO muss solche Verträge schützen oder ausnehmen. Für unnötige Bürokratie, die keinen echten Nutzen bringt, ist jeder Euro zu viel.
Live aus Brüssel: Diskutieren SIE mit!
Am 09. April 2025 diskutieren wir mit den führenden EU-Agrarpolitikerinnen und -politikern die Zukunft der Landwirtschaftspolitik in Europe. Doch nicht nur mit den Politikern sondern vor allem: mit Ihnen.
Bei der ersten Ausgabe von "Politik trifft Praxis" in Brüssel bringen wir Landwirtinnen und Landwirte aus Deutschland, Österreich und Belgien in der Hauptstadt Europas zusammen. Gemeinsam mit Politikern aus dem Europaparlament gehen sie der Frage nach: Pflanzenschutz und GAP: Was plant Brüssel?
Die Debatte verspricht, lebhaft zu werden, immerhin stehen in diesem Jahr die Verhandlungen über den EU-Haushalt für die kommenden Jahre an. Der bestimmt maßgeblich darüber, wie kraftvoll die Gemeinsame Agrarpolitik ab 2028 werden kann.
Können verpflichtende Lieferverträgen für Milch, Getreide und viele weitere Agrarprodukte Landwirte in der Lieferkette stärken?
Singer: Vertragliche Sicherheit kann für Landwirte ein Vorteil sein, aber verpflichtende Lieferverträge sind kein Selbstläufer. Sie garantieren weder stabile Einkommen noch faire Marktbedingungen.
Verpflichtende Lieferverträge garantieren weder stabile Einkommen noch faire Marktbedingungen."
Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass solche Vorgaben in der Praxis wenig bewirken. Sie begrenzen zwar Preisspitzen, sorgen aber nicht für eine dauerhaft bessere Preisgestaltung für die Landwirte. Gleichzeitig entstehen zusätzliche Kosten für Bürokratie, die gerade für kleinere Betriebe eine erhebliche Belastung darstellen.
Statt neuer bürokratischer Vorgaben braucht es Maßnahmen, die Landwirten echte Verhandlungsmacht geben – etwa durch transparente Marktstrukturen und eine konsequente Kontrolle der Einhaltung europäischer Standards bei Importen. Bürokratie, die nichts bringt, sollte gar nicht erst eingeführt werden.
Welche Maßnahmen halten Sie für notwendig, um faire Preise und Marktbedingungen für Landwirte zu gewährleisten?
Singer: Faire Preise und Marktbedingungen für Landwirte lassen sich nur erreichen, wenn die Marktmacht in der Lebensmittelkette gerechter verteilt wird. In Deutschland dominiert eine extreme Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel – vier große Händler bestimmen den Markt und damit auch die Preisgestaltung. Für die landwirtschaftlichen Betriebe bedeutet das oft: Sie stehen mit vielen Anbietern wenigen mächtigen Abnehmern gegenüber und haben kaum Verhandlungsspielraum.
Notwendig sind daher Maßnahmen, die die Position der Erzeuger stärken. Dazu gehören eine konsequente Umsetzung der UTP-Richtlinie gegen unfaire Handelspraktiken, transparente Preisbildungsmechanismen und eine stärkere Kontrolle der Einhaltung europäischer Standards bei Importen. Zusätzlich braucht es eine bessere Förderung regionaler Vermarktungsstrukturen und von Erzeugerorganisationen, um Landwirte unabhängiger vom Druck der großen Handelsketten zu machen.
Setzt EU-Agrarkommissar Christophe Hansen mit der Vision für die Landwirtschaft und Ernährung in der EU die richtigen agrarpolitischen Prioritäten?
Singer: EU-Agrarkommissar Christophe Hansen setzt mit seiner Vision einige wichtige agrarpolitische Prioritäten. Besonders positiv ist, dass er die Landwirtschaft nicht als Problem, sondern als essenziellen Teil der Lösung für Nachhaltigkeit und Ernährungssicherheit sieht.
Dass er zudem eine rasche Vereinfachung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) anstrebt und faire Wettbewerbsbedingungen betont, ist ein wichtiges Signal für unsere Landwirte. Besonders positiv bewerte ich, dass er nun auch klar die Einhaltung europäischer Standards beim Import von Lebensmitteln fordert – etwa im Bereich Pflanzenschutz und Tierhaltung.
Ebenso begrüße ich, dass er die Diversifizierung landwirtschaftlicher Betriebe fördern möchte. Das ist eine Chance flächendeckend die Betriebe zu erhalten, die sich gut an den Besonderheiten der einzelnen Regionen orientiert haben. Er betont dabei immer wieder den Bereich der Bioökonomie. In diesem Bereich sehe ich in Deutschland eine gute Möglichkeit die Vielfalt der landwirtschaftlichen Betriebe zu erhalten und auszubauen. Es braucht jetzt praxisnahe Lösungen und wirtschaftlich tragfähige Anwendungen, die für die Betriebe einen echten Mehrwert bringen.
Welche konkreten Vorschläge sollte er als erstes angehen?
Singer: Wichtig ist, dass die GAP so weiterentwickelt wird, dass sie alle landwirtschaftlichen Betriebe mitnimmt – unabhängig von Größe oder Produktionsrichtung. Zudem muss die Einhaltung europäischer Standards auch beim Import konsequent durchgesetzt werden. Andernfalls setzt sich die EU dem berechtigten Vorwurf der Doppelmoral aus, wenn sie von ihren eigenen Landwirten hohe Anforderungen verlangt, aber bei Importen die Augen verschließt. Positiv sehe ich, dass Agrarkommissar Hansen Landwirtschaft und Fischerei im Zusammenhang mit der Ernährungsindustrie betrachtet. Das zeigt, dass er die gesamte Wertschöpfungskette in den Blick nimmt – eine Perspektive, die für eine zukunftsfähige Agrarpolitik unerlässlich ist.
Noch für dieses Jahr hat der EU-Agrarkommissar angekündigt, die GAP weiter zu vereinfachen. Sehen Sie Potentiale zur weiteren Vereinfachung der GAP?
Singer: Ja, es gibt noch erhebliches Potenzial zur Vereinfachung der GAP. Viele Landwirte erleben die aktuellen Regelungen als bürokratisch und schwer verständlich. Besonders die Dokumentationspflichten und komplizierten Förderkriterien belasten den Berufsalltag und binden wertvolle Zeit, die besser in die eigentliche landwirtschaftliche Arbeit fließen sollte.
Potential gibt es sicher viel – es liegen seitenweise Vorschläge für Vereinfachungen auf dem Tisch. Wichtige Maßnahmen sind etwa die flexiblere Umsetzung der GLÖZ-Anforderungen, die Reduzierung der Dokumentationspflichten bei Förderanträgen und eine praxisnähere Gestaltung der digitalen Meldeprozesse. Jetzt kommt es darauf an, dass diese Vorschläge nicht nur diskutiert, sondern auch zügig umgesetzt werden – mit weniger Bürokratie, klareren Regeln und mehr Vertrauen in die landwirtschaftlichen Betriebe.
Um den EU-Agrarhaushalt zeichnet sich ein harter Verteilungskampf ab. Sehen Sie Chancen auf ein stabiles Agrarbudget?
Singer: Ein stabiles Agrarbudget ist die Voraussetzung für Ernährungssicherheit in Europa. Unsere Landwirte stehen vor enormen Herausforderungen – von steigenden Produktionskosten bis hin zu wachsenden Umweltanforderungen. Ohne eine verlässliche finanzielle Grundlage kann die Landwirtschaft ihrer zentralen Rolle in der Gesellschaft nicht gerecht werden. Deshalb werde ich mich mit Nachdruck dafür einsetzen, dass der EU-Agrarhaushalt stabil bleibt und unsere bäuerlichen Betriebe auch in Zukunft wirtschaftlich arbeiten können.