Was ist dran am Protein-Hype? Wie können sich Landwirte so aufstellen, dass sie beides - alte und neue Proteine - rentabel erzeugen können? Über diese Fragen diskutierten die Politikerinnen Renate Künast (Grüne) und Christina Stumpp (CDU) mit Landwirt Leonard van Uelft und Start-up-Gründerin Laura Gertenbach vergangenen Donnerstag in Berlin. Einig waren sich alle darüber: Die Forschung, von Leguminosenanbau bis In-vitro Fleisch, muss am Standort Deutschland dringend ausgebaut werden.
Die Diskussion fand im Rahmen des Events „Alles auf Start:up" von der Andreas Hermes Akademie, dem Deutschen Bauernverband (DBV) und der German AgriFood Society (GAFS) statt. Bereits zum fünften Mal luden die Organisatoren zu dem Netzwerktreffen ein, auf dem auch der Vorentscheid der Future Agro Challengestattfand.
Renate Künast stellte mit Blick auf klimatische Veränderungen in Brasilien, Argentinien und Südspanien sowie auf das jüngste Wachstum der BRICS-Staatenin ihrem Eingangsstatement klar: „Neue Proteine sind kein Hype, sondern eine logische, geopolitische Entwicklung. (...)Wir können uns auf vergangene Strukturen, z.B. beim Import von Futtersoja, nicht mehr verlassen."
Die Forschung hinkt hinterher in Deutschland
Für die Humanernährung stellte sie ein 3-Säulen-Modell vor: Tierische Erzeugnisse sollen weiterhin die Hauptproteinquelle sein. Pflanzliche Produkte sollen die zweite Säule und biotechnisch erzeugte Produkte, wie z. B. kultiviertes Fleisch die dritte Säule bilden. Deutschland könne sich dabei an Nachbarländern wie Dänemark oder den Niederlanden orientieren. Dort sei die Forschung in diesen Bereichen bereits weiter. Die Ministerin sprach sich außerdem gegen die Diskriminierung pflanzenbasierter Produkte aus. Damit ist z.B. gemeint: die höhere Besteuerung von Haferdrinks.
Tierisches oder pflanzliches Eiweiß?
Christina Stumpp von der CDU wünscht sich für zukünftige Grillabende beides: Das Steak neben der Sojawurst. Sie sagte: „Pflanzenproteine sind eine Ergänzung zu tierischen - und kein Ersatz." Übereinstimmend mit Renate Künast betonte sie, wie wichtig es sei, mehr in die Forschung von Kulturfleisch zu investieren. Denn ein Umdenken in der Land- und Forstwirtschaft sei dringend nötig, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Dafür gebe die Politik lediglich den Rahmen vor. Der Verbraucher müsse je nach persönlicher Präferenz, der Esskultur und des Geschmacksletztendlich selbst entscheiden können, ob er zu Steak oder Sojawurst greift. Sie sagte: „Am Ende muss es lecker sein, das ist am wichtigsten. Wir müssen unsere Esskultur im Blick behalten."
Auch Laura Gertenbach, Gründerin von Innocent Meat und Bauerstochter aus Mecklenburg-Vorpommern, brach eine Lanze für tierische Produkte: „Tierhaltung wird immer da sein müssen. Kultiviertes Fleisch ist eine gute Alternative, aber rettet nicht die Welt." Ihr Start-up baut die Fertigungstechnologie für die Herstellung von In-vitro-Hackfleisch. Ihre Kunden kommen aus der Industrie. Landwirte braucht es auch in diesem System, z.B. um Futter für die Zellkulturen zu erzeugen.
Als Landwirt muss ich mich auf die Erzeugung konzentrieren können."
Junglandwirt Leonard van Uelft berichtete auf dem Podium von seinen Erfahrungen mit dem Anbau von Eiweißpflanzen. Er bewirtschaftet rund 450 ha Fläche überwiegend in ökologischem Anbau auf dem Familienbetrieb Gut Edlau in Könnern. Der Standort ist geprägt von guten Lößböden bei geringen Niederschlägen. In Zusammenarbeit mit dem Start-up Hülsenreich hat er auch mit Kichererbsen Erfahrungen gesammelt.
Diese Zusammenarbeit haben beide Seiten nach zwei Anbaujahren beendet. Van Uelft erklärt: „Als Landwirt muss ich mich auf die Erzeugung konzentrieren können. Die ganze Vermarktung bis ins Supermarktregal ist zu aufwendig." Auf die Frage, was ein Start-up denn mitbringen müsse für eine gute Zusammenarbeit, sagt er: „Gute Ideen, dreckige Hände - und nicht nur ein Prospekt!"
Dem Leguminosenanbau fehlen standortangepasste Sorten
Leguminosen werden aktuell auf 2 bis 3 % der deutschen Fläche angebaut. Das liegt vor allem an der Wirtschaftlichkeit dieser Kulturen. Van Uelft wünscht sich einen rentablen Leguminosenanbau, und zwar ohne staatliche Querfinanzierung. Seiner Meinung nach müssten folgende Voraussetzungen erfüllt werden:
- Sichere Anbauvoraussetzungen und Strategien für Erzeuger. Dazu gehören standortangepasste Sorten und einfache Maschinen. Besonders die Sortenzüchtung von heimischen Eiweißquellen sei aufgrund der Futtermittelimporte in der Vergangenheit eingeschlafen.
- Stabile Märkte und eine stabile Lieferstruktur
- Einen lebendigen Wissenstransfer und Beratungsangebote. Auch Misserfolge sollten mit anderen geteilt werden.