Nach dem Windenergieflächenbedarfsgesetz (WindBG) sind bundesweit Flächen im Umfang von durchschnittlich 2 % bereitzustellen. Um dies zu erreichen, werden insbesondere in waldreichen Bundesländern, wie Bayern, Windenergieprojekte zunehmend auch auf Standorten im Wald umgesetzt. Oftmals eignen sich ihre Flächen gut für Windkraftanlagen oder liegen sogar in einem Windenergiegebiet. Das bayerische Netzwerk C.A.R.M.E.N. e.V. veranstaltet zu dem Thema „Windkraft im Wald“ am 08. April 2025 ein Fachgespräch. Wir sprachen im Vorfeld mit der C.A.R.M.E.N.-Windenergieexpertin Vera Kragl über die Vorteile und Herausforderungen von Waldwindparks.
Welche Vorteile hat aus Ihrer Sicht das Thema „Wind im Wald“?
Kragl: Grundsätzlich müssen wir voranstellen, dass mit ‚Wald‘ nicht der artenreiche Naturraum gemeint ist, sondern der Wirtschaftswald, also der Forst. Das Thema hat für verschiedene Zielgruppen Vorteile: Während es bei der Bevölkerung für mehr Akzeptanz sorgen kann, begrüßen Waldbesitzer die zusätzlichen Pachteinnahmen, mit denen sie den Waldumbau finanzieren können.
Warum fördern Waldwindparks die Akzeptanz?
Kragl: Windräder im Wald sind kaum zu sehen und beeinflussen das Landschaftsbild nicht so wie Anlagen auf der Freifläche. Das hat also schlicht optische Gründe. Gerade hier in Bayern mit 2,4 Mio. ha Waldfläche und einem Waldanteil von 35 % müssten viele Windparks auf der Freifläche entstehen, wenn man den Wald aussparen würde. Dazu kommt die besondere Abstandsregelung bei uns im Freistaat.
Welche meinen Sie?
Kragl: Grundsätzlich müssen Windräder hierzulande die 10-H-Regelung einhalten. Das bedeutet: Vom Mastfuß bis zur nächsten Wohnbebauung ist ein Abstand einzuhalten, der dem Zehnfachen der Höhe eines Windrades entspricht. Bei modernen, 200 m hohen Anlagen wären das also rund 2000 m. Werden die Windräder dagegen im Wald gebaut, müssen sie nur einen Abstand von 1000 m einhalten. Bei 10-H im Außenbereich ohne Wald wäre es wegen der Besiedlungsdichte schwer, die Flächenziele einzuhalten.
Das Thema wird bei einigen Naturschutzverbänden wie der Deutschen Wildtierstiftung stark kritisiert. Wie können Waldbesitzer bzw. Projektierer damit umgehen?
Kragl: Wichtig ist, dass alle Beteiligten zusammenkommen und eine möglichst waldschonende Umsetzung anstreben. Das fängt mit der Standortwahl an. Gut wäre es, wenn man schon breite, ausgebaute Forstwege für den Transport von Turmsegmenten und Rotorblätter nutzen kann. Genauso muss die Fläche aber auch so gewählt werden, dass dort genügend Wind vorhanden ist. Nur die Akteure vor Ort wie Waldbesitzer, Förster und Projektierer können dazu einen Kompromiss finden, der möglichst viele Interessen unter einen Hut bringt.
Moderne Rotorblätter sind bis zu 80 m lang. Wie lässt sich der Transport gestalten, damit nicht zu viele Bäume gefällt werden müssen?
Kragl: Hier helfen Spezialfahrzeuge wie der Bladelifter. Bei diesen lassen sich die Rotorblätter hochstellen. Außerdem werden sie per Funkfernsteuerung bedient, während der Fahrer nebenher läuft. Damit spart man ein Führerhaus. Beides sorgt für eine deutlich reduzierte Fahrzeuglänge und weniger Platzbedarf in den Kurven. Allerdings kann damit am Tag, wenn der Anfahrtsweg etwas länger ist, höchstens ein Rotorblatt angeliefert werden, was die Bauzeit verlängert und die Installation verteuert. Aber auch hier gilt: Im Gespräch können die Akteure vor Ort die beste Lösung herausfinden.
Die Maßnahmen betreffen die Bäume. Was ist mit Tieren im Wald?
Kragl: Hier können die ohnehin verpflichtenden Vogel- und Fledermausmonitorings zeigen, wo es möglichst konfliktarme Standorte gibt und wie man dort mit Abschaltzeiten usw. den Artenschutz erhöhen kann. Bei Vögeln helfen zudem Antikollisionssysteme, um die Anlagen beim Herannahen von bestimmten Arten rechtzeitig abzuschalten. Die Technik ist noch sehr teuer und bislang noch nicht oft im Einsatz, aber sie ist ein weiterer Baustein für mehr Artenschutz. Eine weitere Maßnahme ist das Anlegen von Biotopen wie z.B. einen Teich oder andere Habitate in sicherer Entfernung zum Windpark, um bestimmte Vogelarten wegzulocken. Ziel ist es, Flächen zu schaffen, wo sie ungefährdet Nahrung finden. Hierzu sollten Waldbesitzer und Projektierer frühzeitig Kontakt mit örtlichen Naturschutzvereinen aufnehmen, um gemeinsame Lösungen zu erarbeiten.
Wie stark greift der Bau des Windparks in das Ökosystem bzw. die Tierwelt ein?
Kragl: Natürlich sorgen nötige Baumfällungen, der Transport von Bauteilen sowie die Bauphase selbst für Unruhe und dazu, dass Tiere erst einmal vertrieben werden. Aber wie uns Förster berichten, kommen sie schnell wieder, sobald Ruhe eingekehrt ist. Selbst Vögel brüten wieder ganz in der Nähe der Windräder.
Mit den immer höher werdenden Anlagen weisen Vertreter der Windbranche darauf, dass sich die Rotoren häufig in Höhen von 150 m und höher drehen, also meist über den Flughöhen von Fledermäusen oder Greifvögeln. Spielt das im Wald auch eine Rolle?
Kragl: Teilweise schon. Aber natürlich muss man auch die Flugrouten von Zugvögeln beachten, die weiterhin davon betroffen sind. Auch da kann man mit der Standortwahl oder mit Abschaltzeiten reagieren.
Wir haben jetzt viel über die ökologischen Nachteile gesprochen. Gibt es eventuell auch Synergieeffekte von Windrädern im Wald?
Kragl: Auf jeden Fall ist im Wirtschaftswald eine ökologische Aufwertung möglich, z.B. durch die angesprochene Anlage von Biotopen usw. Außerdem entsteht rund um das Windrad eine Lichtung, wenn es nicht direkt z.b. auf einer Windwurffläche gebaut wird. Lichtungen im ansonsten lichtarmen Fichtenwald sorgen immer für mehr Artenvielfalt. Mit gezielten Anpflanzungen von Büschen oder besonderen Baumarten kann man das unterstützen. Das fördert wiederum das Ansiedeln von Niederwild. Bei allen diesen Maßnahmen ist es aber wichtig, dass man sie auch pflegt. Es ist nicht damit getan, nur beim Bau der Windräder für Ausgleich zu sorgen und sich dann nicht mehr darum zu kümmern.
Fachgespräch zum Thema
C.A.R.M.E.N. e.V. veranstaltet am 08. April 2025 in Kooperation mit dem Bayerischen Waldbesitzerverband, dem Bayerischen Bauernverband und den Familienbetrieben Land und Forst Bayern ein Fachgespräch zum Thema „Windkraft im Wald“. Das Fachgespräch findet in Wolnzach im Deutschen Hopfenmuseum statt und richtet sich an private Waldbesitzer und Flächeneigentümer sowie alle fachlich Interessierten.
Neben einem umfassenden Programm mit interessanten Vorträgen ist eine Besonderheit, dass es einen Marktplatz geben wird, auf dem die Teilnehmenden mit Akteuren aus der Branche (z. B. Projektierer) ins Gespräch kommen können.
Den Link und das Programm zur Veranstaltung finden Sie hier.