Unsere Autorin: Viola Erfkämper, LWK NRW
Die größte Differenzierung zwischen beiden Verfahren: Die Hühner sind vor der Elektrowasserbadbetäubung wach und bei vollem Bewusstsein. Sie haben Kontakt zu Menschen, werden kopfüber an Bügeln aufgehängt und verbleiben durchschnittlich 51 Sekunden in dieser Position, bevor die Betäubung erfolgt.
Diese Fixierung kann für die Tiere schmerzhaft sein und führt häufig zu starkem Flattern, insbesondere bei Hühnern aus der Leichtmast. Bei der Gasbetäubung werden die Tiere erst nach der Betäubung aufgehängt, was den Stress und das Flattern deutlich reduziert.
Einblicke in das Projekt „CasStunn“
In einer Onlineveranstaltung berichtete die Tierärztin Jolien Hacker von der Universität Rostock von Ergebnissen des Projekts „CasStunn“.
Beobachtungen während der Gasbetäubung
Während der Gasbetäubung, die in einer kontrollierten Atmosphäre mit CO2 durchgeführt wird, verlieren die Tiere in einer geschlossenen Kammer schrittweise ihr Bewusstsein. Die erste Betäubungsstufe dauert 40 Sekunden und zeichnet sich durch einen CO2-Gehalt von 18 % aus. Hier zeigten die beobachteten Tiere häufig Verhaltensweisen wie Schlucken, Schmatzen, Flügelschlagen oder Kopfschütteln.
Hacker interpretiert dieses Verhalten als Reaktion auf die Reizung der Schleimhäute durch Kohlensäure. Das Kopfschütteln könnte ein Versuch der Tiere sein, sich wachzuhalten. Diese Reaktionen nahmen in den folgenden Stufen stetig ab. In einigen Fällen zeigten die Tiere in Stufe 1 Hochspringen oder leichtes Flügelschlagen. Auch dies trat später kaum noch auf.
Mit fortschreitender Betäubung zuckten die Tiere leicht, was in der letzten Phase – Stufe 5 mit 62 % CO2 – in Krämpfe überging, sobald sie aufgehört hatten zu atmen.
Nach der Betäubung testeten die Projektbeteiligten den Kornealreflex am Auge, um sicherzustellen, dass die Hühner keine Wahrnehmungsreflexe mehr haben. Es ist ein Schutzreflex, den das Auge bei Berührung oder Luftzug auslöst. Bei der Gasbetäubung wurden weder während, noch nach dem Einhängen der Tiere Anzeichen einer unzureichenden Betäubung festgestellt.
Beobachtungen während der Elektrobetäubung
Im Elektrowasserbad reagierten einige wenige Tiere noch positiv auf den Wahrnehmungsreflex. Bei der Elektrowasserbadbetäubung erfolgt der Halsschnitt etwa zehn Sekunden nach der Betäubung, während er bei der Gasbetäubung erst nach rund sieben bis acht Minuten durchgeführt wird.
Die Entblutung dauert in beiden Verfahren etwa vier Minuten.
Die Schlachtkörperqualität
Bei der Elektrowasserbadbetäubung und bei der Gasbetäubung traten bei etwa zwei Dritteln der Projekttiere Einblutungen an den Flügelspitzen auf. Es zeigte sich ein Zusammenhang zwischen steigendem Schlachtkörpergewicht und einem erhöhten Risiko für Einblutungen. Hämatome in der Keule waren bei der Elektrowasserbadbetäubung bei den Biomasttieren häufiger.
Bei der Gasbetäubung gab es eine deutliche Verbesserung: Mehr als die Hälfte der Schlachtkörper wiesen keine Einblutungen in der Keule auf. „Hämatome im Filet stellen ein wirtschaftliches Problem dar, da diese Teile des Schlachtkörpers in die Kategorie 3 eingestuft und verworfen werden müssen“, so Hacker. Bei der Elektrobetäubung traten Einblutungen im Filet am häufigsten bei Schwermasttieren auf, während bei Leichtmasttieren und Tieren der Haltungsform 3 weniger Einblutungen festgestellt wurden.
Mit steigendem Schlachtkörpergewicht stieg auch hier die Anzahl der Hämatome im Filet. Bei der Gasbetäubung zeigte sich eine deutliche Verbesserung: In allen Haltungsformen konnte eine Reduktion der Einblutungen im Filet erzielt werden, die Werte halbierten sich im Vergleich zur Elektrowasserbadbetäubung. Frakturen traten bei allen Tieren auf. Bei der Gasbetäubung zeigte sich jedoch eine Tendenz zur Abnahme der Frakturen im Vergleich zur Elektrowasserbadbetäubung.
Was ist besser?
„Obwohl in diesem Versuch die CO2-Betäubung besser abschneidet, sehen Tierschützer beide Verfahren kritisch“, erklärt Dr. Theodor Schulze-Horsel vom Tiergesundheitsdienst der LWK NRW. Bei der Elektrobadbetäubung ist die Phase vom Einhängen bis zur Betäubung eine Belastung für die Tiere. Umsichtiges Arbeiten und optimale Arbeitsplatzgestaltung können hier aber dafür sorgen, dass die Zeit im Hängen möglichst kurz ist.
Bei der Gasbetäubung besteht das grundsätzliche Problem, dass die CO2-Konzentration in der Atemluft das Atemzentrum aller Wirbeltiere steuert. Ein CO2-Anstieg führt zu Erstickungserscheinungen. Daher ist die Gasbetäubung bei Hühnern und Schweinen in der Kritik. „Insbesondere tauchfähiges Wassergeflügel hat eine besonders hohe CO2-Toleranz, weshalb Fachkreise hier die CO2-Betäubung vielfach ablehnen“, so der Tierarzt.
Versuchsdurchführung
Wie können Tierschutz, Schlachtkörper und Arbeitsbedingungen im Geflügelschlachthof verbessert werden? Diesen Fragen ist die Universität Rostock im Projekt „CasStunn“ nachgegangen. Im Zeitraum von Mai 2021 bis Oktober 2022 führte das Projektteam die Elektrowasserbadbetäubung an einem Praxisbetrieb durch. Sie beobachteten dabei insgesamt 19 Herden aus der Schwer-, 18 Herden aus der Leichtmast, 13 Herden aus der Haltungsform 3 sowie 17 Herden aus der Biomast.
Ende des Jahres 2022 bis November 2023 untersuchten die Wissenschaftler die Betäubung mit Gas. Sie betäubten insgesamt zwölf Herden der Schwer-, 29 Herden der Leicht-, neun Herden der Biomast und drei Herden mit Haltungsform 3 mit diesem Verfahren vor der Schlachtung. In beiden Varianten umfasste die Verarbeitungskapazität 4800 Hühner pro Stunde, was einer Durchlaufgeschwindigkeit von 80 Hühnern pro Minute entspricht.