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Regierungswechsel Aussaat im Frühling Maul- und Klauenseuche

Interview

Geflügel-Präsident Goldnick: „Ich bin ein Mann des Marktes“

Weg mit der staatlichen Kennzeichnung, Aufstallungsmöglichkeiten für Freilandhennen, Tierwohlfinanzierung über den Markt. ZDG-Präsident Hans-Peter Goldnick findet im Interview klare Worte.

Lesezeit: 8 Minuten

Wir sprachen mit Hans-Peter Goldnick, der im November 2024 zum neuen Präsidenten des Zentralverbandes der deutschen Geflügelwirtschaft gewählt wurde.

Herr Goldnick, Sie sind jetzt rund 100 Tage Präsident vom Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG). Macht Sie der Wechsel vom Stall aufs politische Parkett glücklich?

Goldnick: Die ersten 100 Tage waren wirklich spannend. Es ging vor allem darum, viele Menschen kennenzulernen, ihre Perspektiven aufzunehmen und mich in die politischen Prozesse einzuarbeiten.

Die Branche, die ich vertrete, ist innovativ und zukunftsorientiert. Wir arbeiten an wichtigen gesellschaftspolitischen Themen wie Nachhaltigkeit und Ernährungssicherheit. Diese Themen stärker in die Politik einzubringen, das sehe ich als große Herausforderung. Überrascht bin ich vom Zeitaufwand: ZDG-Präsident ist ein Fulltime-Job.

Geflügelpest außer Kontrolle in den USA?

Die USA erleben gerade den größten Ausbruch der Geflügelgrippe ihrer Geschichte. In Deutschland ist es vergleichsweise ruhig. Was machen wir in Deutschland richtig und wo müssen wir konsequent bleiben?

Goldnick: Entscheidend für den Erfolg ist aus meiner Sicht, dass die deutschen Geflügelhalter die Biosicherheitsmaßnahmen strickt einhalten und auf Prävention setzen. Daran dürfen wir nicht rütteln! Nur das konsequente Handeln der Wertschöpfungskette garantiert, dass sich die Ausbrüche in Deutschland bislang nicht zu einem Flächenbrand entwickelt haben.

Wir brauchen dringend regionale Risikobewertungen

Brauchen wir eine Aufstallungspflicht und Impfmöglichkeiten?

Goldnick: Angesichts der hohen Dynamik bei der Geflügelgrippe reicht die Einhaltung der Biosicherheitsmaßnahmen auf Dauer nicht aus. Sorge bereiten mir insbesondere die Freilandhaltungen. Die Gefahr eines Seucheneintrages durch Wildvögel ist hier extrem groß.

Wir brauchen dringend regionale Risikobewertungen, die uns die Möglichkeit geben, Freiland- und Auslaufgeflügelbestände vorübergehend aufzustallen.

Und natürlich müssen wir auch über das Thema Impfung sprechen. Tiergesundheitsexperten sagen mir, dass wir sie brauchen, wollen wir die Geflügelgrippe dauerhaft in den Griff bekommen. Wenn wir impfen, müssen wir natürlich dafür sorgen, dass die Betriebe vermarktungsfähig bleiben. Das wäre möglich, wenn wir endlich mit Drittstaaten Regionalisierungsabkommen schließen. Hier setze ich große Hoffnungen in die neue Bundesregierung. Sie sollte insbesondere mit den Staaten im asiatischen Raum Verhandlungen aufnehmen.

EU-Vorgaben 1:1 umsetzen statt deutscher Sonderwege

Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Geflügelhalter ist in Gefahr. Wo sehen Sie die größten Knackpunkte?

Goldnick: Es gibt gleich mehrere Baustellen. EU-Verordnungen müssen endlich eins zu eins umgesetzt werden, statt ständig in deutscher Manier immer noch etwas draufzusatteln.

Wichtig ist weiterhin, auf der Basis von Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen zu agieren. Wir müssen künftig mehr denn je die richtige Balance zwischen Ökonomie und Ökologie, also das Grundprinzip nachhaltigen Handelns, finden.

Nächster Knackpunkt ist die geplante Änderung der EU-Tiertransportverordnung. Der vorliegende Entwurf führt zu einer Kostenexplosion. Aus Beobachtungen unserer Unternehmen wissen wir, dass die Schlachtkörper mehr Hämatome und andere Verletzungen aufweisen, wenn die Tiere auf dem Transport mehr Platz zur Verfügung hatten.

Die Tiere rutschen in den Transportboxen hin und her, stoßen sich und erleiden Verletzungen. Die aktuellen Vorschläge zur Novelle der EU- Tiertransportverordnung würden dem Wohlergehen der Tiere einen Bärendienst leisten. Hinzu kommt, dass 40 % mehr Lkw-Einzelfahrten notwendig sind, wenn die Pläne so umgesetzt würden. Auch in den Schlachthöfen müssten Anpassungen erfolgen. Das ist alles andere als nachhaltig.

Wo sehen Sie noch weiteren dringenden Handlungsbedarf?

Goldnick: Dringenden Handlungsbedarf sehe ich vor allem bei der Europäischen Masthuhn-Initiative (ECC). Der um 25 % höhere CO2-Ausstoß sowie der steigende Futterund Wasserverbrauch sind weder nachhaltig noch effektiv.

ECC betrachtet zudem nur das Tierwohl. Wichtige Aspekte wie menschliche Gesundheit und Ernährung sowie Ökologie berücksichtigt das ECC-Konzept überhaupt nicht.

Ich fordere Lebensmitteleinzelhändler (LEH) auf, ihre Teilnahme zu überdenken. Es kann doch nicht sein, dass der LEH einerseits seinen CO2-Fußabdruck senken will, andererseits aber auf Haltungsverfahren setzt, die nicht nachhaltig sind.

Tierschützer machen Druck

Im Zuge der Transportverordnung wird auch das Überkopffangen kritisiert. Richtig?

Goldnick: Auch hier müssen wir faktenbasiert diskutieren und entscheiden. Ein Verbot des Überkopffangens ist vollkommen aus der Praxis gegriffen. Es würde die Zeitdauer und Kosten des Fangens enorm erhöhen. Außerdem: Wie soll ich eine Jungoder Althenne mit zwei Händen aus einer Voliere mit mehreren Etagen greifen?

"Tierhaltungskennzeichnung ist überflüssig"

Wie stehen Sie zur staatlichen Tierhaltungskennzeichnung?

Goldnick: Weg damit, das staatliche Modell ist überflüssig! Die Wirtschaft hat mit dem Konzept der Haltungsform doch eine Lösung gefunden, die bestens funktioniert und die Steuerzahler kein zusätzliches Geld kostet.

Ähnlich kritisch sehe ich die Diskussionen um den Umbau der Tierhaltung. Das Borchert-Papier ist aus der heutigen Perspektive kein Zukunftsmodell. Ich lehne zum Beispiel eine Mehrwertsteuererhöhung kategorisch ab. Eine Erzeugung, die am Markt vorbei geht und mit staatlichen Mitteln querfinanziert werden muss, funktioniert nicht.

Mir kann zudem keiner weismachen, dass der Staat angesichts der knappen Kassen 20 Jahre lang Geld in den Umbau der Tierhaltung steckt. Das einzige, was funktioniert, ist und bleibt das Marktmodell. Hier entscheidet der Verbraucher an der Supermarktkasse was er will.

Wer macht am Ende das Rennen: HF 1, 2, 3, 4 oder 5?

Goldnick: Es wird für alle fünf Haltungsformen einen Markt geben, da bin ich mir sicher. Spannend wird sein, wer sein Geld für Produkte aus den höheren, teureren Haltungsformen ausgeben wird.

Ich gehe davon aus, dass HF 2 den größten Anteil haben wird, weil es die wirtschaftlich tragfähigste und nachhaltigste Form ist. Die stabile Entwicklung bei Geflügel in der Initiative Tierwohl (ITW) spricht für sich.

Bleiben HF 3 und höher Nischen?

Goldnick: Die Haltungsformstufe 3 leidet unter den deutlich höheren Produktionskosten. Der Schritt von HF 2 auf 3 verursacht beim Hähnchen Mehrkosten von bis zu 60 %. Das wird sich der Großteil der Verbraucher nicht leisten können und wollen. Ich sehe beschränktes Absatzpotenzial.

Also sollten die Geflügelhalter weiter vornehmlich in HF 2 investieren?

Goldnick: Ja, es kommt jetzt darauf an, dass wir die Investitionsbremse im Geflügelsektor lösen. Aus internen Befragungen wissen wir, dass unsere Mitgliedsbetriebe allein im Hähnchensektor über 1 Mrd. € investieren wollen, wenn sie Investitionssicherheit hätten.

Zugrunde gelegt ist hier der Bau von 500 Hähnchenställen. Jeder Stall mit 2.000 m2 Fläche kostet rund 1 Mio. €. Hinzu kommen die betriebsindividuellen Kosten für die Erschließung des Standortes. Im Legehennenbereich ist die Situation übrigens ähnlich. Unsere Mitgliedsbetriebe wollen rund 500 Mio. € in die Hand nehmen.

Was wir jetzt brauchen, sind Baugenehmigungen. Die künftige Bundesregierung muss hier schnell Änderungen herbeiführen.

Präsident mit Stallgeruch

  • Zuhause ist Hans-Peter Goldnick auf dem Hornbrooker Hof in Nehms im Kreis Segeberg.

  • Tierhaltung: 40.000 Legehennen in Bodenhaltung, Partnerschaften mit weiteren Geflügelhaltern in der Region.

  • Vermarktung: 120.000 braune Eier aller Haltungsformen der Marke „Hornbrooker Hof“. Absatz vor allem über Einzelhandel, Hotels und Gaststätten.

  • Weitere Standbeine: Spargel- und Erdbeeranbau.

Wie ist diese hohe Investitionsbereitschaft zu erklären?

Goldnick: Das hängt in erster Linie mit der steigenden Nachfrage zusammen. Im Eiermarkt entwickelt sich die Nachfrage nachhaltig positiv. Das Image der Eier hat sich in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt. Ich gehe davon aus, dass wir eine um 10 % höhere Eierproduktion im Markt problemlos absetzen können.

Das Wetter ist seit Monaten feucht und kalt. Viele Ausläufe für Freilandhennen stehen unter Wasser. Brauchen wir eine Schlechtwetterregelung bei Freilandhaltung?

Goldnick: Rein theoretisch dürfen die Hennen den ganzen Tag im Stall bleiben, wenn es das Wetter erfordert. Das Problem ist, dass die Eier aber nicht mehr als Freilandeier verkauft werden dürfen, sondern nur noch als Eier aus Bodenhaltung wenn die Hennen nicht spätestens um 10 Uhr draußen sind.

Der Erzeuger muss die Kennzeichnung dann entsprechend anpassen. Das ist nicht praktikabel. Außerdem haben die Betriebe Lieferverpflichtungen für Freilandeier. Ich habe mich in dieser Sache bereits an EU-Kommissar Hansen gewandt. Denn in anderen europäischen Ländern wie Norwegen oder Dänemark existiert dieses Problem gar nicht. Der Betriebsleiter darf die Hennen zu ihrem eigenen Schutz bei schlechtem Wetter im Stall lassen. Vermarktet wird weiterhin als Freilandei.

Polen gibt Gas - eine Gefahr für uns?

Polen will die Geflügelfleischproduktion deutlich ausweiten, vor allem für den Export nach Asien. Bedroht das die deutschen Erzeuger?

Goldnick: Ich gehe davon aus, dass polnische Produkte aufholen und deutlich wettbewerbsfähiger werden. Im Markteinstiegssegment ist die polnische Erzeugung bei Geflügelfleisch derzeit preislich wettbewerbsfähiger. Wir hingegen punkten mit der Qualität und der Sicherheit der Produkte. Auch werden dort Eier in Bodenhaltung erzeugt anstatt in Freilandhaltung. Noch haben diese Produkte nicht das Premium-Image deutscher Ware, aber das wird sich ändern. Entscheidend ist, dass wir die gleichen Produktionsbedingungen haben.

Geflügelfleisch ist beliebt, der Verbrauch steigt seit Jahren kontinuierlich. Inwieweit sehen Sie in alternativen Proteinen eine Gefahr?

Goldnick: Der Anteil der Fleischverweigerer hat sich aktuell bei 10 % eingependelt, ein größeres Wachstum sehe ich hier nicht. Pflanzliche Alternativen bieten nicht die gleiche Nährstoffdichte und -qualität. Ich glaube nicht an die Zukunft dieser Produkte.

Wie klappt´s mit der Webung?

Die Geflügelfleischwirtschaft hat eine neue Werbekampagne für deutsches Geflügelfleisch gestartet. Wie gut hat sie eingeschlagen?

Goldnick: Wir erhalten sehr gutes Feedback, insbesondere in Bezug auf die belastbaren Umweltaussagen und die nachgewiesene Qualität von Geflügel aus Deutschland. Die Kampagne hat möglicherweise bestehende Vorbehalte gegen die Geflügelfleischerzeugung in Deutschland aufgelöst.

Welche verbandspolitischen Themen sind Ihnen noch wichtig?

Goldnick: Wir müssen die Kommunikation mit unseren Mitgliedern verbessern und effizienter arbeiten, ohne zu einem Debattierclub zu verkommen. Es ist wichtig, klare und kurze Entscheidungswege zu etablieren.

Außerdem müssen wir uns unbedingt stärker in die europäische Entscheidungsfindung einmischen. Ein Beispiel ist die novellierte EU-Vermarktungsnorm für Eier, wonach alle Packstellennummern, in denen ein Ei umgepackt wurde, auf der Eierpackung anzugeben sind.

Hier wird mit dem Verbraucherschutz und der Rückverfolgbarkeit argumentiert. Nach meiner Ansicht verwirrt die Angabe mehrerer Nummern aber. Es ist völlig ausreichend, wenn die Nummer der Inverkehr-bringenden Packstelle, so wie es vorher üblich war, aufgedruckt wird. Dieses Klein-Klein des europäischen Regulierungswahn müssen wir abschaffen.

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